Adria Daraban

Abstract Sancar

Figuren des Fragmentarischen

Fragmentierung als ästhetisches Prinzip in der Architekturproduktion des 20. Jahrhunderts

 

„Das Ganze ist das Unwahre.“ Adornos Urteil in den Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben reflektiert gegen Ende des zweiten Weltkrieges eine gesellschaftliche Grunddisposition, die in der Kunstproduktion schon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts als ästhetische Erscheinung Einzug erfahren hat – die Ästhetik des Bruchs und des Fragments. Das Eindringen der Dissonanz, des Abstrakten oder des Hässlichen in der Kunst oder die Schwierigkeit von Kunstwerken angemessen zu enden stellt für Adorno eine Invariante der Moderne dar. Bereits 1900 stellte Rodin seine Plastik L’homme qui marche, auf der Pariser Weltausstellung aus und kündigte damit die Zeit des „modernen Fragmentarismus“1 in der bildenden Kunst an.

 

Unter der Prämisse, dass die Wahrnehmung des Brüchigen als zeitgeistiges Phänomen zu veränderten Formerwartungen in der Kunst und darüber hinaus geführt hat, gilt es, nach Manifestationen dieser Veränderung im architektonischen Diskurs des 20. Jahrhunderts zu suchen. Die Dissertation untersucht den Resonanzraum des Fragmentbegriffs in der Architekturproduktion des 20. Jahrhunderts. So gefragt: kann Architektur eine Ausdrucksform der modernen condition fragmentaire sein? Im Unterschied zur Kunst ist die Architektur Objekt beiläufigen Betrachtung; demzufolge wird hiermit hinterfragt, ob der Begriff des Fragments in der Architektur, analog zur Kunst, eine vergleichbare Entfaltung finden kann.

 

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die hiesige Arbeit mit der Suche nach einem Erklärungsmuster für die Anziehungskraft der brüchigen, offenen und aus dem Gleichgewicht geratenen modernen Form und nach dessen Resonanzräumen, oder um mit Sloterdijk zu sprechen: „Nun kommen die Torsi und ihresgleichen zum Zug, es schlägt die Stunde der Formen, die an nichts erinnern. Die Bruchstücke, die Krüppel, die Hybride bringen etwas zur Aussprache, was die gewöhnlichen Ganzformen und die glücklichen Integritäten nicht mehr zu übermitteln imstande sind. Intensität schlägt Standardperfektion.“2

Untersucht werden räumliche Gefüge, die in der Lage sind, gezielt Affekte in uns anzusprechen, die an ein unmittelbares implizites Wissen appellierend, einen Zustand des Betroffenseins in uns hervorrufen. Diese Wirkungsmechanismen artikulieren sich in der Idee der Einfühlung oder Empathie, wie Robert Vischer und Theodor Lipps diese formulierten.

 

Es wird also angestrebt, eine wissenschaftstheoretische Methode zu entwickeln, die es ermöglicht, verschiedene Aspekte des Fragmentbegriffs in der Architektur zu verorten. Mit dem Ziel, einer möglichen Verbindung des Räumlichen mit dem Emotionalen nachzugehen, werden Figuren des Fragmentarischen, wie z. B. das Innerste, das Entfernte, das Übergangslose, das Mechanische, das Rätselhafte definiert und mittels verschiedener Momente kreativer architektonischer Produktion – Bauwerke, Entwürfe, Skizzen, Schriften und andere Arten der Notation –  ausgeleuchtet.

 

Die Arbeit nimmt sich demnach zweierlei vor. Einerseits wird versucht, über diese Figuren des Fragmentarischen Manifestationen dieses Phänomens in der Architektur zu identifizieren, einzuordnen und zu dokumentieren. Andererseits gilt es, die innere Zusammengehörigkeit der vielfältigen und zum Teil divergierenden Erscheinungen des Fragmentarischen als Teile eines zusammenhängenden gedanklichen Komplexes auszuweisen.

 

Gaston Bachelards Prinzip des Besonderen als Fall des Möglichen folgend, gilt es, Akkumulationen dieses Phänomens zu finden und zu untersuchen.

 

Schon zu den Anfängen der funktionalistischen Moderne und ihrem Bestreben, eine objektive,  internationale Sprache der Architektur zu entwickeln wurde eben diese begleitet von kritischen Stimmen einer anderen Moderne. In seinem Buch „The other Tradition of modern Architecture. The uncompleted Project“ identifiziert Colin St. John Wilson unter anderem Hugo Häring, Hans Scharoun und im Norden Europas Gunnar Asplund, Alvar Aalto und Sigurd Lewerentz als „outsider“, „lost causes“ oder „zones of silence“. In ihren architektonischen Diskursen beobachtete er eine im Verhältnis zum dominierenden Duktus viel subtilere Verhandlung der Moderne.

 

Es sind die Stimmen, die in den CIAM Kongressen von den Verfechtern der orthodoxen Moderne überhört oder übertönt wurden. Auch wenn sie Teil der modernen Bewegung waren, waren sie gleichzeitig ihre schärfsten Kritiker. Vereint sind sie einerseits durch die Kritik am Wirken der funktionalistischen Moderne und anderseits durch ihr Ziel, mittels einer humanistischen Auffassung grundlegende Werte und Anhaltspunkte in einer aus den Fugen geratenen Welt zu definieren.

 

Der Versuch, die ästhetische Kategorie des Fragmentarischen im Räumlichen aufzuschlüsseln, führt die Architektur als einen möglichen Resonanzkörper der gesellschaftlichen condition fragmentaire ein.

 

 

1              Der Begriff „moderner Fragmentarismus“ stammt aus dem Aufsatz von Peter Horst Neumann: „Rilkes Archaischer Torso Apollos in der Geschichte des modernen Fragmentarismus“, in Fragment und Totalität, hrsg. Lucien Dällenbach und Christiaan : Hart Nibbrig, Frankfurt am Main, 1984, S.257-274. Der Band vereinigt Beiträge zum Begriff des Fragmentarischen in Musik, Literatur und bildender Kunst.

2              Peter Sloterdijk, Der Befehl aus dem Stein. Rilkes Erfahrung in Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik,  Frankfurt a.M., S .42